Die Menschen bewegen sich aus allen Himmelsrichtungen auf die Bürgerweide zu. Überfüllte Busse und verstopfte Straßen stehen auf der Tagesordnung. Eisern drehen die Autofahrer ihre Runden. Der Kampf um die letzten Parkplätze bringt Gewinner und Verlierer hervor. Für Abschleppunternehmen hat eine äußerst lukrative Zeit begonnen.

Ist man endlich am Ziel angekommen, weiß man sofort, wofür man diese Strapazen auf sich genommen hat. Der Duft von gebrannten Mandeln liegt in der Luft. Kinderaugen strahlen. Die Musik der Fahrgeschäfte schallt einem entgegen. Lachen und freudiges Kreischen sind zu vernehmen. Gänsehaut ist garantiert.

Von Karussellen für Kleinkinder, die sich gemütlich im Kreis drehen bis hin zu waghalsigen Fahrgeschäften, die ihre Gäste in schwindelerregender Höhe einen Adrenalin-Kick verschaffen, ist alles dabei. Die bunten Lichter funkeln. Eine Attraktion jagt die nächste. Die Verlockungen sind riesig. Es ist ein Spaß für Jung und Alt.

Gewinne, Gewinne, Gewinne“ ruft der Verkäufer einer Losbude. „Jedes Los ein Gewinn“, verspricht er den vorbeilaufenden Gruppen. Wer kann da schon widerstehen?

Der 984. Bremer Freimarkt ist in vollem Gange. Die so genannte „Fünfte Jahreszeit“ sorgt mal wieder für eine Art Ausnahmezustand in Bremen. Die Schausteller verbreiten gute Laune. Sie präsentieren sich ihren Besuchern als harmonische Einheit, Bude neben Bude.

Doch was bekommt man zu sehen, wenn man einen Blick hinter die Kulissen wirft? Wie sieht die Kehrseite der Medaille aus?

Die Schausteller kämpfen um ihre Standorte und ums wirtschaftliche Überleben. Bei der Klage, die im letzten Jahr bis vor das Oberverwaltungsgericht ging, wurde deutlich, dass nicht alle eine große Familie sind. Die Rechtmäßigkeit der Platzvergabe für ein Festzelt wurde von der Konkurrenz angezweifelt.

Der eigene Umsatz muss stimmen, um den Fortbestand zu sichern. Der Standort, die Nachbarschaft und die Größe der zur Verfügung gestellten Fläche entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. Daran wird deutlich, dass Wettbewerbsdruck und Rivalität auch unter den Schaustellern dazu gehören.

In diesem Jahr müssen sich gleich drei große Festzelte miteinander in Konkurrenz begeben. Wer schafft es, die meisten Gäste anzulocken? Die so genannte Königsalm ist seit diesem Jahr das dritte Festzelt auf der Bürgerweide. Neben dem Bayernzelt und dem Hansezelt sollen die Gäste hier mit Speisen und Getränken versorgt werden. Doch die Königsalm ist eigentlich gar kein Zelt, das wirft man ihr zumindest vor. Die massive Bauweise der zweistöckigen „Holzhütte“ unterscheidet sich nämlich erheblich von ihren Konkurrenten. Sie verspricht mehr Luxus und Komfort. Der Platz direkt gegenüber dem Hauptbahnhof lässt auf einen großen Standortvorteil schließen. Wie wird sich das Publikum entscheiden?

Doch die Besucher des Bremer Freimarktes spüren von diesen Streitigkeiten nichts. Sie genießen das Schauspiel, genießen es kindliche Freude empfinden zu dürfen. Der Duft verschiedener Speisen begleitet sie über das gesamte Gelände. Von Fischbrötchen über Crêpes, Bratwürsten, Maiskolben, Champignons, Pizza bis hin zu Brezeln und Wokgerichten ist alles verfügbar. Auf dem Rückweg noch schnell einen Liebesapfel und ein Lebkuchenherz gekauft. Die Kinderherzen schlagen höher, wenn sie sich am Ende noch einen Heliumballon in Form ihres Lieblingstieres aussuchen können.

Erschöpft vom Gedränge und den lauten Geräuschen, kehren alle glücklich und zufrieden nach Hause zurück. Sofern sie keinen Umweg zum Betriebsgelände des Abschleppunternehmens machen müssen.

Ischa Freimaak