Sabrina saß im Check-in Bereich des Düsseldorfer Flughafens und konnte immer noch nicht vollständig erfassen, was gerade passierte. Ihr Blick wanderte von ihrem Handgepäck, das rechts neben ihrem Stuhl stand, zu Martin, der gerade im Kiosk nach Kaugummis suchte. Kaugummis, die waren auf der Fahrt zum Flughafen schon sein einziges Thema. Wenn ein wenig Druck auf den Ohren seine größte Sorge war, konnte er sich wirklich glücklich schätzen. Sabrina konnte kaum klar denken vor Aufregung. Ihre Gefühle waren eine Mischung aus Freude, Angst und völliger Unzurechnungsfähigkeit.
Sie löste ihren Blick von Martin und ließ ihn weiter durch das Terminal wandern, bis er die Abflugtafel erfasste. New York City, das war ihr Flug. In knapp zwei Stunden war es soweit.
Sabrina hatte noch die Stimme ihrer Mutter im Kopf, die ungläubig und beinahe hysterisch immer wieder nachfragte, ob das wirklich ihr Ernst sei und wann, um Gottes Willen, sie auf diese Idee gekommen sei?
Die Antwort darauf stellte ihre Mutter in keiner Weise zufrieden. Aber das erwartete Sabrina auch nicht. Sie selber hätte es auch nicht geglaubt, wenn jemand ihr solch eine Geschichte aufgetischt hätte.
Bei genauer Betrachtung war eigentlich Fabian schuld an dieser Situation. Musste sie ihm jetzt womöglich auch noch dankbar dafür sein? Streng genommen schon.
Sabrinas Gedanken reisten in die Vergangenheit, und zwar zu jenem Tag vor etwa 11 Monaten, an dem Fabian sich von ihr getrennt hatte. Es war ein Samstag und sie frühstückten gerade. Sabrina las die Zeitung und Fabian zappte durch das TV-Programm, als er plötzlich den Fernseher ausschaltete und die Fernbedienung auf den Tisch knallte. „So, jetzt reicht´s. Du nimmst mich doch gar nicht mehr wahr. Ich will das so nicht mehr. Ich brauche Abstand und ziehe erst mal zu Chris.“
Sabrina war sich im ersten Moment nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Dieser Ausbruch traf sie völlig unvermittelt. Sie verstand das Problem nicht, es war doch alles gut. Sie stritten nicht und jeder hatte Freiraum für seinen eigenen Kram. Aber die darauf folgende Diskussion brachte nichts, sein Entschluss stand fest.
Zugegebenermaßen war Fabian auch nicht ihr Traummann, aber die Beziehung funktionierte. Sie war froh, nicht alleine zu sein und aus ihrer Sicht hatten sie sich gut arrangiert in den letzten acht Jahren. Sie dachte immer, dass er sie mehr lieben würde, als sie ihn. Falsch gedacht. Zumindest war es am Ende nicht mehr so.
Die Trennung traf Sabrina doch härter, als sie vermutet hatte. Ihr fehlte die Motivation, für sich allein zu kochen. Es frustrierte sie, Filme zu schauen, über die sie sich allein aufregen musste und dann im Anschluss allein ins Bett zu gehen. Es ging dabei nicht so sehr um Fabian, sondern darum, mit 41 wieder von vorne anfangen zu müssen. Darauf hatte sie sich nicht eingestellt, das war nicht der Plan und das war ihr viel zu anstrengend.
Um sie aus ihrem Tief herauszuholen schlug ihr bester Freund Martin vor, dass die beiden mal wieder so richtig um die Häuser ziehen sollten. Ganz so, wie sie es vor 20 Jahren auch getan hatten. Sich mal wieder vollkommen abschießen, die ganze Nacht durchtanzen und sich keine Gedanken um den nächsten Tag machen. Dann würde die Welt schon wieder ganz anders aussehen. Sabrina zögerte zunächst, fand dann aber doch Gefallen an der Idee und stimmte zu.
Der Abend verlief zunächst sehr gesittet. Sie gingen italienisch Essen, um eine Grundlage zu schaffen. Pizza und einen Beilagensalat fand Sabrina angemessen für diesen Zweck. Nach dem zweiten Glas Wein verfielen beide immer wieder in Phasen des Selbstmitleids und des Zorns über ihre Verflossenen. Martin hatte sich auch gerade mal wieder getrennt, das war aber eher ein Dauerzustand bei ihm. Sabrina hatte schon vor Jahren die Entscheidung getroffen, seine aktuelle Freundin erst kennenzulernen, wenn die Beziehung länger als sechs Wochen hielt. Sie konnte Besseres mit ihrer Zeit anfangen.
Nach dem Essen zogen sie weiter in die nahegelegene Cocktailbar. Die dortige Happy Hour trug zur Stimmungsaufhellung erheblich bei. Mit steigendem Alkoholpegel erkannten sie die Potentiale, die sich aus ihrer neu gewonnen Freiheit ergaben. So völlig ungebunden konnten sie alles tun, was sie wollten. Die Welt lag ihnen quasi zu Füßen.
Die beiden landeten im Anschluss in Johnny`s New York Bar. Und genau dort musste sich das erste Samenkorn in Sabrinas und Martins Gedanken gepflanzt haben. Ganz still und heimlich. Sie konnte sich noch erinnern, dass sie sich mit dem Barkeeper äußerst eloquent, ganz so wie Betrunkene eben sind, über das wundervolle New York ausgetauscht hatten. Der Typ, der neben Sabrina am Tresen saß, schaltete sich irgendwann, genauso betrunken wie die beiden, in die Ausschweifungen ein. Er sagte, dass er schon fast in den Staaten leben würde. Die Heinis von der GreenCard Verlosung müssten sich nur noch bei ihm melden. Darauf tranken sie noch einen Kurzen mit ihm.
Den restlichen Teil der Tour konnte Sabrina später nur noch anhand ihrer Kreditkartenabrechnung rekonstruieren.
Am nächsten Tag wachte sie gegen Mittag, völlig verkatert, in Martins Wohnung auf. Ihr Kopf dröhnte und ihr Magen rebellierte. Sie lag auf dem Sofa und Martin auf dem Fußboden, eingerollt in eine Wolldecke. Sie ging ins Bad, um sich frisch zu machen. Der Blick in den Spiegel bestätigte ihr Befinden. Aber dennoch verspürte sie ein Gefühl der Freude. Sabrina musste über sich selber lachen. Sie hatten es so richtig krachen lassen, ganz wie in alten Zeiten. Sie wusste, wenn sie diesen Tag erst mal überstanden hätte, bekäme sie den Rest ihres Lebens auch wieder geregelt.
In der Zwischenzeit war Martin ebenfalls aufgewacht. Den gequälten Lauten nach zu urteilen, hatte er Probleme, sich vom Laminat zu erheben. Als sie aus dem Bad kam, war er gerade dabei einen Kaffee aufzusetzen. Völlig fertig, aber rundum zufrieden mit ihrer Mission, fielen sich beide in die Arme.
Der weitere Tag verlief grauenvoll. Sabrina fühlte sich so elend, dass ihr jegliche Vorstellung davon fehlte, wie das jemals wieder besser werden sollte. Irgendwie hatte sie solche Eskapaden vor 20 Jahren noch besser weggesteckt.
Am frühen Abend klingelte ihr Handy. Es war Martin. „Schau nach deinen E-Mails“, sagte er und brach in schallendes Gelächter aus. „Pack schon mal deine Koffer, Süße“, und legte auf. Etwas verwirrt öffnete sie ihren Posteingang und sah die Bestätigungsnachricht für die Teilnahme an der GreenCard Lotterie der USA. Da hatten sie sich wohl von dem Typen in der Bar inspirieren lassen. Lachend, legte sie ihr Handy weg.

Sabrina wurde von Martin, der sich gerade neben sie setzte und zwei Gläser Prosecco organisiert hatte, aus ihren Gedanken gerissen. Da saßen sie nun. Völlig ohne Plan, ein Jahr von der Arbeit beurlaubt und steuerten auf einen neuen Lebensabschnitt zu. Aber was hatten sie schon zu verlieren?